von ibus geschriebene rezensionen

Bernhard Pichler. 2017. Prostitution. Das Buch für die ganze Familie. Bernhard Pichler Verlag, Purbach am Neusiedler See. 325 Seiten. ISBN 9781549649608

 

Bernhard Pichler hat seine Dissertation der Rechtswissenschaften über Sexarbeit in Österreich geschrieben. Mit dem vorliegenden Buch möchte er ein populärwissenschaftliches Buch über Prostitution liefern, was er zum Großteil auch schafft. Pichler versucht das Thema enttabuisiert und mit Humor zu behandeln. Vor allem die Fußnoten sind für ihn hier sehr wichtig. Allerdings trifft er mit seinem oft spitzbübischen Humor nicht immer den richtigen Ton. Aber Humor ist bekanntlich Geschmacksache. Leider kommt es manchmal so rüber, als würde er sich über Sexarbeiter*innen lustig machen. Auch seine Ausrede, warum er keine gendergerechte Sprache verwendet kaufen wir ihm nicht ganz ab. Im Folgenden konzentrieren wir uns auf die für iBUS wichtigen Punkte seines Buches.

 

Wichtig ist zu wissen, dass die Definition von Sexarbeit für das Recht zentral ist, weil verschiedene Formen von Sexarbeit unterschiedliche „Delikte“ sind bzw. unterschiedliche Gewerbe, die unterschiedlich straf-, arbeits- und sozialrechtlich behandelt werden müssen. Deshalb spricht er von Prostitution, weil das Buch von Sex gegen Geld handelt (S.36). Also lassen wir seinen Begriff Prostitution statt Sexarbeit ausnahmsweise durchgehen und verwenden ihn für diese Rezension auch teilweise selbst, um nicht für Verwirrung zu sorgen. Aber selbst der Begriff der Prostitution wird in unterschiedlichen österreichischen Gesetzen unterschiedlich definiert (z.B. als „Dulden sexueller Handlungen am eigenen Körper“), nur in Oberösterreich entschied man sich für den etwas positiveren Begriff der sexuellen Dienstleistung.

 

Z.B. muss man rechtlich zwischen Porno und Prostitution unterscheiden, da es sich nur bei letzterem um ein Kundenverhältnis handelt und daher andere Verträge zählen. Apropos Verträge, ob es sich dabei um einen „Werkvertrag“ oder einen „Dienstleistungsvertrag“ handelt ist in jedem Fall eigens abzuklären, wenn es um etwaige Klagen bei Nichteinbringung des Vertrages ginge (die sogenannte Sphärentheorie, S. 185).

 

Wie man im Buch bald merkt, gibt es in Österreich unzählige Gesetze über Prostitution/Sexarbeit, die einander überlappen, manchmal widersprechen, und die für Verwirrung sorgen, nicht nur weil sie den „Akt“ unterschiedlich definieren. Wie Pichler spitzfindig behauptet, sei der Grund für die komplizierte und für Laien schwer zu verstehende Sprache von Gesetzen nur dazu da, um den Berufsstand der Anwälte zu erhalten. Wahrscheinlich hat er damit recht, denn selbst für uns als Sozialarbeiterinnen, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigen, gibt es immer noch viele rechtliche Unklarheiten, wobei man sich wirklich fragen sollte, wen das Recht eigentlich schützen soll.

 

Ab Seite 144 widmet er sich dem Gewerberecht und warum das älteste Gewerbe der Welt eigentlich kein Gewerbe ist. Es handelt sich bei Prostitution laut Pichler um eine „gewerbsmäßige Tätigkeit“, aber nicht um ein Gewerbe. Das geht auf das Versteinerungsprinzip der österreichischen Verfassung zurück: nur jene Berufe sind als Gewerbe anerkannt, die zur Zeit des Inkrafttretens der Verfassung, dem 1.10. 1925 als Gewerbe anerkannt waren oder, wenn sie erst danach entstanden (z.B. der gesamte IT Bereich), wenn davon auszugehen ist, dass sie als Gewerbe anerkannt worden wären, hätte es sie damals gegeben (historische Interpretation). Da es Prostitution aber damals schon gab und sie nicht als Gewerbe anerkannt wurde, bräuchte es eine Verfassungsänderung (also eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat), um dies zu tun. Und das ist so gut wie unmöglich.

 

Darüber hinaus war Prostitution/ Sexarbeit damals natürlich sittenwidrig, laut Pichler, um den Kunden zu beschützen. Bis der Oberste Gerichtshof 2012 davon abging, nur den Kunden zu schützen und auch die Sexarbeiterin Rechte zugestanden bekam, die Sittenwidrigkeit also abschaffte.

 

Weiters ist nicht klar, ob es sich bei Sexarbeit in einem Bordell um eine selbständige Tätigkeit handelt oder nicht (freier Dienstvertrag oder Arbeitsvertrag), einem Thema, das Pichler sich ab Seite 186 widmet. Bei ersterem geht man davon aus, dass sowohl Sexarbeiter*in als auch Bordellbetreiber*in selbständig sind, also gleichartige Vertragspartner. Da dies aber nur selten der Fall ist, und der/die Bordellbetreiber*in immer mehr Kapital und Macht hat, kann man von einer Scheinselbständigkeit sprechen. Im Arbeitsrecht würde hier immer zu Gunsten der/des Sexarbeiter*in/s entschieden werden, da er/sie der schwächere Part ist und deshalb mehr Schutz bedürfe ist als der/die Bordellbetreiber*in. Das Arbeitsrecht schützt immer die Arbeiternehmer*innen. Um die Art der Anstellung festzustellen gibt es das „bewegliche System“ (ab S. 190). Hierzu gibt es einige Faktoren, die unterschiedlich wiegen. Wenn mehrere Faktoren (je nachdem welche) zutreffen, kann man von einem Angestelltenverhältnis ausgehen. Sowohl das Finanzamt als auch die Krankenkassen können das in Österreich überprüfen.

 

Laut Pichler ist es in Österreich durchaus möglich, Arbeitsverhältnisse im Bereich der Prostitution zuzulassen, solange es wie in Deutschland ein eingeschränktes Weisungsrecht gibt, das laut ihm nicht so schwer umzusetzen ist (S.215).

 

Nebenbei bemerkt Pichler, dass es vor der Aufhebung der Sittenwidrigkeit in Deutschland anscheinend so war, dass es keine guten Arbeitsbedingungen in Bordellen geben durfte, weil man nicht wollte, dass Frauen diesen Job lange ausüben. Das erinnert an die These von Helga Amesberger, dass die gesetzlichen Verwirrungen und die Hyperregulierung der Sexarbeit dazu da sind, um Sexarbeit so gering wie möglich zu halten.

 

Im letzten Teil des Buches erhofft man sich eine Übersicht über die rechtliche Lage in anderen Ländern, bekommt aber nur (teilweise persönliche) Anekdoten. Hierzu müssen wir also wieder auf die Werke von Helga Amesberger verweisen.

 

Im Großen und Ganzen ist es aber doch ein empfehlenswertes Buch, sowohl für Laien als auch für Expert*innen.

 

Juno Mac und Molly Smith (2018) Revolting Prostitutes. The Fight for Sex Workers’ Rights. Verso Books: London. ISBN 978-1-78663-360-6. 278 Seiten

 

Obwohl es bis jetzt nur in englischer Sprache erschienen ist, erachten wir von iBUS es trotzdem als wichtig, dieses Buch in der AEP Bibliothek zu haben, weil es eine pragmatische, linke, feministische Perspektive hat.

Die Autorinnen, zwei junge englische Sexarbeiterinnen, positionieren sich weder als „sex-positiv“, noch als „sex-negativ“, sondern als „sex-ambivalent“. Bei einem Thema, welches die feministische (und linke) Bewegung spaltet wie kein anderes, gehen sie einen dritten Weg und fordern, dass Sexarbeit wirklich wie andere Arbeit behandelt wird, auch wenn es keine gewöhnliche Arbeit ist.

Viele Feminist*innen argumentieren, dass Sexarbeit keine Arbeit sei, weil sie schlechte Arbeit ist. Und darum stellen sich Sexarbeitsaktivist*innen oft konträr dagegen und behaupten, es sei doch gute Arbeit aus diesen und jenen Gründen (z.B. selbst-bestimmt und gut bezahlt).

Weder die „happy hooker“ (selbstbestimme Person, die ihren Job liebt) noch die „exited woman“ (Ausgestiegene), sondern die „unhappy hookers“ sollen laut Mac und Smith zu Wort kommen, also jene, die den Job nicht unbedingt gern machen, ihn aber machen, um Geld zu verdienen. Die große Mehrheit der Sexarbeiter*innen also.

Mac und Smith betonen, dass es nicht wichtig ist, ob die Arbeit gut oder schlecht ist, oder gar einen Mehrwehrt für die Gesellschaft liefert, sondern dass es eben Lohnarbeit ist, und Arbeiter*innen brauchen Rechte, vor allem dann, wenn die Arbeit schlecht ist. Viele Arbeiter*innen hassen ihren Job, müssen ihn jedoch machen, weil sie in einer kapitalistischen Welt nun mal Geld brauchen, um überleben zu können. Trotzdem verdienen sie fundamentale Arbeitsrechte.

Ja, es gibt im weiten Spektrum der Sexarbeit nicht nur die emanzipierte selbstbestimmte Sexarbeiterin, die den Job liebt, sich ihrer Rechte bewusst ist und dafür kämpfen kann. Ja, es gibt Ausbeutung, ja es gibt Vergewaltigungen, ja es gibt Menschenhandel. Aber es sind weniger Individuen Schuld an der Ausbeutung von Sexarbeiter*innen, sondern das globale kapitalistische System. Solange es so gravierende Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern geben wird, wird es Migration geben. Solange es so streng bewachte Grenzen gibt und legale Migration verunmöglicht wird, werden sich Menschen in die Hände von Dritten begeben, die sie (mit guten oder schlechten Absichten) bei dem Prozess der Flucht/Migration unterstützen. Die Beschränkung der legalen Migrationsmöglichkeiten spielt Menschenhändlern und der organisierten Kriminalität in die Hände.

Man kann das Phänomen Sexarbeit nicht einfach wegregulieren, weil man es nicht mag, sondern man muss bessere Arbeitsmöglichkeiten schaffen und Personen nicht den Zugang zu einer von ihnen gewählten Arbeit verwehren.

Verbote bringen nie die gewünschte Lösung, sondern machen nur das Leben jener Personen schwer, die dringend Geld brauchen, wie die Autorinnen anhand aller Sexarbeitsmodelle auf der Welt mit vielen Beispielen veranschaulichen. Das gilt auch für das als feministisch dargestellte „Nordische Modell“, das eine Entkriminalisierung von Sexarbeiter*innen verspricht, faktisch jedoch viele indirekte negative Konsequenzen für Sexarbeiter*innen hat.

Sexarbeit ist der wohl klarste Ausdruck des Patriarchats, daran besteht kein Zweifel. Aber Lohnarbeit ist generell Ausdruck des Kapitalismus und deshalb muss man mit einer Kapitalismuskritik beginnen, wenn man Sexarbeit schlecht findet. Wenn man ein Problem damit hat, dass Leute Dinge für Geld tun, die sie sonst nicht machen würden, dann hat man nicht ein Problem mit Sexarbeit, sondern mit dem Kapitalismus (Originalzitat von Kaytlin Bailey, Sexarbeitsaktivistin).

Das beste Modell für Mac und Smith ist jenes der Entkriminalisierung, welches auf dem „harm reduction“ (Schadensverminderung) Ansatz beruht, nachdem auch wir als Sozialarbeiterinnen arbeiten. Sexarbeit gibt es, das ist eine Tatsache, ob man es will oder nicht. Gerade weil es vielen Sexarbeiter*innen oft schwerfällt auszusteigen, sei es aus Mangel an Alternativen, sei es durch den rassistisch-strukturierten Arbeitsmarkt oder durch niedrige Einkommenschancen in anderen Sektoren, ist es nötig, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, sich also auf die aktuellen Arbeitsbedingungen zu fokussieren und hier eine Verbesserung herbeizuführen. Deshalb haben Sexarbeiter*innen in diesem Modell Arbeitsrechte, die sie wenn nötig auch einklagen können.

Am Ende des Buches plädieren die Autorinnen für eine Welt ohne Grenzen und ohne Armut (soziale Absicherung, leistbares Wohnen etc.), denn nur so könne man die Bedingungen schaffen, in denen niemand mehr Sexarbeit leisten muss (und auch generell keine Lohnarbeit, die man nicht machen will).

 

Melanie Groß, Kathrin Schrader, Tanja Carstensen (Hg.): care | sex | net | work. Feministische Kämpfe und Kritiken der Gegenwart. Gabriele Winker zum 60. Geburtstag gewidmet. Unrast Verlag: Münster 2016. ISBN 978-3-89771-307-9. 176 Seiten.

 

 

Bei dem Buch handelt es sich um einen interessanten Sammelband, der aus 20 kurzen wissenschaftlichen Beiträgen zu unterschiedlichen Themen besteht, sowie zwei Dankesworten inklusive einem Gedicht von Konstantin Wecker („Revolution“). Der Sammelband ist eine Hommage an Gabriele Winker, die nicht nur eine Vorkämpferin in der „Care Revolution” ist, sondern auch eine Vordenkerin verschiedener Forschungsfelder und ihren 60. Geburtstag feiert. Verfasst wurden die Artikel von ihren Kolleg_innen und früheren Student_innen, die von ihren Forschungen inspiriert sind, teilweise ihre mit Nina Degele entwickelte Methode der intersektionalen Mehrebenenanalyse verwenden und weiterentwickeln und oft auch selbst zu einer Care Revolution aufrufen.

 

Das Buch ist in drei Themenblöcke unterteilt: 1. Feministische Analysen und Strategien als Antwort auf aktuelle Herausforderungen, 2. Sorgearbeit in Bewegung und die Care Revolution und 3. Technik als Feld feministischer Auseinandersetzungen.

 

Die Herausgeberinnen heben in der Einleitung das aktuelle politische Umfeld hervor und die Probleme des beschleunigten Kapitalismus. Sie weißen darauf hin, dass Sorgearbeit immer mehr entfremdet und als ein weiterer Geschäftsbereich definiert wird. Gabriele Winker spricht hier von einer “Krise sozialer Reproduktion”. Bezahlte als auch unbezahlte Sorgearbeit wird vor allem von Frauen verrichtet. Aufgrund der sich verschlimmernden Rahmenbedingungen rufen die Autorinnen zum Aktivismus auf, der niemals das Projekt einer Elite sein darf.

 

Die feministische Theorie entwickelt sich ständig weiter. Neue Themen werden erarbeitet. Dies zeigt der erste Block des Sammelbandes. Nina Degele fordert auf, Anerkennung als Teil einer intersektionalen Analyse miteinzubeziehen. Kathrin Schrader beschreibt verschiedene neue Strömungen, die – obwohl sehr unterschiedlich - doch alle gemeinsam gegen sexuelle Freiheiten kämpfen, antiintellektuell und antifeministisch sind, wie z.B. „Besorgte Eltern“, Neue Rechte und Maskulinisten. Leider gibt es aber auch feministische Strömungen, die jede Sexualität, die sie moralisch verwerflich finden, mit Kriminalität in Zusammenhang bringen (Beispiel Solwodi und Sexarbeit).

 

Tina Habermann glaubt, dass der Radikale Feminismus ein gutes Mittel im Kampf gegen den Kapitalismus sein könnte. Sie ruft Feminist_innen dazu auf, nicht in einer wissenschaftlichen Sprache hängen zu bleiben und sich aktiv an der Care Revolution zu beteiligen.

 

Melanie Groß beschreibt eine interessante neue Dichotomie zwischen Heiliger und Hure, die sich in Sexportalen im Internet abspielt. Während in der Öffentlichkeit noch immer verborgen werden muss, dass frau ein Sexleben außerhalb bestimmter Normen lebt, damit sie nicht ihren Job und/ oder Ansehen verliert, so wird auch in als freizügig dargestellten Sexportalen eine ähnliche Grenze gezogen. Auch in Bezug auf Sexarbeit und BDSM sind feministische Diskurse gespalten. Obwohl Sexualität eigentlich ein Spielfeld weiblicher Emanzipation ist, wird sie von unterschiedlicher Seite moralisiert.

 

Michel Raab`s Artikel handelt von nicht-monogamen Beziehungsformen, die er als eine Fortsetzung feministischer Kritik an der Institution der Ehe und der Monogamie sieht, die es schon im 17. Jahrhundert gab. Raab ruft zu mehr Aktivismus auf und fordert Praktizierende auf, diese Bewegung als Teil der Care Revolution zu sehen, da in poly Situationen kollektiv care stattfindet.

 

Jette Hausotter zeigt die Schwierigkeiten auf, die sich aus der Vereinbarung zwischen Familie und Beruf ergeben. Noch immer ist dies vor allem für Frauen ein Problem.

 

Stefan Paulus beschreibt den beschleunigten Kapitalismus der letzten Jahrzehnte. Es wird versucht immer mehr Geld in immer kürzerer Zeit zu machen. Mittlerweile hat der neoliberale Kapitalismus alle Bereiche des Lebens einverleibt und man kann sogar von einer „Vertrieblichung der Lebensführung“ und eine Selbst-ökonomisierung sprechen, in der Freizeit und Familie zeitlich und nach der Kostenfrage aufgeteilt werden (z.B. ob es sich lohnt, Kinder zu bekommen).

 

Simon Schmiederer zeigt, wie intersektionale Mehrebenenanylse für die Altersforschung und Christiane Wehr zeigt, wie sie für eine queer-feministische Analyse einer Perfomance der Musikerin Peaches verwendet werden kann. Antje Schrupp plädiert in ihrem Beitrag für eine weibliche Souveränität.

 

Der zweite Block im Sammelband beschäftigt sich genauer mit der Care Revolution. Anna Köster-Eiserfunke beschreibt die Krise der sozialen Reproduktion. Kämpfe ergeben sich z.B. um die Bezahlung der Pflege von Verwandten zu Hause. Oft wird hier allerdings auf billigere Pflegekräfte aus Osteuropa gesetzt, die oft überarbeitet sind. Hier werden Lücken im Pflegesystem nicht geschlossen, sondern lediglich verlagert. Sorgearbeit soll laut Autorin ins Zentrum des linken Aktivismus gerückt werden, da sie jede_n von uns betrifft. Zum gleichen Schluss kommt auch Wibke Derboven, die aufzeigt, wie Elternschaft zu sozialer Ungleichheit beitragen kann. Meistens ist es so, dass der Mann Vollzeit beschäftigt ist und die Frau Teilzeit und damit die Hauptlast der familiären Pflege leistet. Im Schnitt leisten Erwachsene mehr Stunden unbezahlte Arbeit als bezahlte Arbeit. Allein das sollte ein Grund sein, dieses Thema ernst zu nehmen.

 

Matthias Neumann zeigt, dass selbst Modelle einer alternativen Ökonomie nur Arbeit, die in Betrieben stattfindet, beachten. So vernachlässigt auch das anarchistische Modell einer partizipativen Ökonomie (Parecon) Sorgearbeit und kann daher laut ihm nicht zu einer besseren, solidarischen Welt führen.

 

Ann Wiesental beschreibt die Kapitalakkumulation nach Marx und die ökonomische Notwendigkeit der sozialen Reproduktion (Geburt, Fürsorge, Bildung) für die Fortexistenz des Kapitalismus.

 

Der dritte Block beschäftigt sich mit Technik aus feministischer Perspektive, da auch Gabriele Winker einen IT Hintergrund hat und darauf einen Forschungsschwerpunkt gerichtet hat. So schreiben Ulrike Eib, Heidi Schelhowe und Karin Vosseberg von der Forschung über Frauen und IT. Immer wieder haben Feministinnen untersucht, in wie weit Technik Frauen schaden oder helfen könnte. Helene Götschel beschreibt in ihrem Beitrag das Verhältnis von Gender zur Physik und darüber wie sie dieser männlichen Disziplin entgegenhält.

 

Neue Technologien könnten das Leben einer Frau erleichtern und Beruf und Familie leichter vereinbaren. Schon früh hat Winker deshalb eine Forderung nach der Senkung der Arbeitszeit von 8 auf 6 Stunden gefordert. Tanja Carstensen fragt jedoch, inwiefern diese neuen Technologien wirklich zu einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse beigetragen haben. Die dadurch mögliche Flexibilisierung der Arbeit habe Vor- und Nachteile. Kathrin Ganz glaubt, dass Soziale Medien zu einem Empowerment für Care Arbeiter_innen führen können. Anschließend daran diskutiert Christina Schachtner anhand von arabischen Bloggerinnen, wie diese mit ihren Gegendiskursen Widerstand gegen autoritäre und patriarchale Strukturen leisten und Gegenöffentlichkeiten schaffen. Diese Art von Aktivismus führe zu „E-Empowerment“, einem Begriff von Winker. Hier findet nationüberschreitende Solidarität statt. In virtuellen Räumen gibt es vor allem für junge Frauen eine Freiheit, die es auf der Straße nicht gibt. Allerdings muss dies oft anonym stattfinden, da mit Repressionen zu rechnen ist.